Schützenhilfe

16 03 2009

Eine Beobachtung: 100% aller pseudonymen Liberalen, die drei Blogartikteltitel hintereinander mit martialischen Begriffen versehen, spielen Killerspiele. Das sollte mal jemand untersuchen.

Eigentlich möchte ich nur auf einen interessanten Sachverhalt hinweisen und folgende rhetorische Frage stellen:
Ist es Zufall, dass gerade jetzt die Diskussion um Videospielsucht losgetreten wird?

Ich möchte gleich vorneweg sagen: Ich bin auch der Auffassung, dass es vermutlich so etwas wie eine Videospiel/Internet-Suchtstörung gibt. Es ist schon erstaunlich was für ein Talent Menschen haben sich eigene Zwangshandlungen anzuerziehen. Ich möchte aber auf zwei Punkte eingehen, einen formalen und einen inhaltlichen:

Die zügige Instrumentalisierung von Winnenden für politische Forderungen ist eine Form der Leichenfledderei und ich würde mich an Stelle der Verantwortlichen schämen. Ich kann leider nicht beurteilen ob die KFN-Studie von Journalisten selber ausgegraben wurde oder ob andere interessierte Kreise darauf hingewirkt haben. Ich bin Zyniker genug um letzteres zu vermuten und glaube, dass das KFN nicht zufällig diesen Montag gewählt hat um die Studie vorzustellen.

Das KFN hat eine Studie erarbeitet in der Computerspiele auf Suchteigenschaften untersucht wurden und Sucht/Suchtgefahr von Schülern ermittelt werden sollten. Das KFN ist kein herkömmliches psychologisches Forschungsinstitut sondern das „Krimininologische Forchungsinstitut Niedersachen e.V.“ dessen Zielsetzung darin besteht „praxisorientierte „kriminologische Forschung zu betreiben und zu fördern“. Direktor des Instituts ist Christian Pfeiffer, der der deutschen Spielerszene bekannt ist durch seine politischen Forderungen. Erstmal kontraintuitiv, dass dort solche Forschungsarbeit geleistet wird wenn man aber unterstellt, dass Pfeiffer eine gewisse Mission hat, nicht verwunderlich.

Löblicherweise wurde die Studie angefertigt von einem vergleichsweise jungen Team bestehend aus zwei Diplom-Psychologen und einem Medienwissenschaftler und nicht von einem sachfremden Personenkreis. Leider habe ich derzeit nicht die Zeit die komplette Studie durchzuarbeiten aber ich möchte dem geneigten meiner drei Leser zumindest 2-3 Fakten mitgeben:
Mangels einer wissenschaftlich allgemein anerkannten Diagnose „Computerspielsucht“ haben die Autoren eine eigene Definition und eigene Diagnose-Items angefertigt. Sie haben sich dabei an der ICD-10 Diagnose der Glücksspielsucht orientiert. Die ICD-10 wird in Deutschland auch zur KK-Abrechnung von psychischen Krankheiten verwendet besteht aber nur zu einem Bruchteil aus der Klassifkation dieser Krankheiten. Bei der Diagnose wird daher auch häufig das DSM-IV der Amerikaner verwendet, dass sehr viel umfangreicher ist, lässt sich aber nicht auf die KK-Abrechnung schreiben. Auch das DSM-Klassifikationssystem kennt keine Diagnose „Computerspielsucht“. In 2007 wurde die Aufnahme dieser Diagnose vorgeschlagen aber letztendlich abgelehnt. Die American Medical Association will nicht vorschnell urteilen und wartet bis 2012 weitere Forschungsergebnisse ab. Ich persönlich gehe aber davon aus, dass sich dann etwas dort tun wird.

Was mich nun stört: Die Medienberichte geben dieser Studie (wie das auch bei sehr vielen Studien generell passiert) eine Autorität die sie auf ihrem Feld vermutlich gar nicht verdient hat. Die Politik ist natürlich auch wieder sofort zur Stelle und stellt Forderungen auf. Nach Mechthild Ross-Luttmann, der Unions-Sozialministerin aus Niedersachsen, sollen Spiele wie World Of Warcraft nur noch ab 18 verkauft werden. Ich glaube wie gesagt auch, dass die Spiele ein gewisses Abhängigkeitspotential haben aber muss wie in meinem vorigen Beitrag konstatieren, dass die Aufgeregtheit und Wahrnehmung des Problems überproportional ist. Aus einer Perspektive der Suchtgefahr ist es z.B. absolut willkürlich den Verkauf von Alkohol ab 16 zuzulassen aber für Onlinespiele Volljährigkeit einzufordern.

Ich finde zumindest finde es sehr bedauerlich, dass dieses aus meiner Sicht auch als Kunstform (was freilich nicht für jeden Titel gilt) absolut unterschätzte Medium, verteufelt wird. Ich bin aber überzeugt, dass zu einer Zeit wenn ich eigene Kinder habe die Hexenjagd ein Ende hat. Die Generationen die mit einem Breitenkonsum von Computerspielen aufgewachsen ist wird dann einfach nachgerückt sein. Es wäre nicht das erste Mal.


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