Heidi statt Hayek

15 12 2008

Ein Artikel im Standard erklärt mir, dass brillante TV-Ergüsse wie „Germany’s Next Topmodel“ und „Das Model und der Freak“ nicht nur sexistische sondern sogar neoliberale Mythen verbreiten. Neoliberale Mythen bei belanglosen Image-Shows? Da hat mir doch glatt jemand das Memo vorenthalten. Klingt aber interessant.

Aber ich lasse mir das erstmal aufdröseln und übergebe das Wort an Medienwissenschaftlerin Tanja Thomas (NICHT zu verwechseln mit Schlagersängerin Michelle) wie sie vom Standard-Artikel zitiert wird:

„Die Gemeinsamkeit der von ihr untersuchten Formate liegt für Thomas zunächst darin, dass sie „nachhaltig“ in das Leben der beteiligten Personen eingreifen und in der Öffentlichkeit eine „Zwanghaftigkeit der Selbstinszenierung“ propagieren. Die neoliberale Idee der „Selbstvermarktung“ werde in Szene gesetzt, der Mythos des „Leistungsgedankens“ „mittels Selektionsriten perpetuiert“.“

Es ist schön so zu sehen, das Frau Dr. Thomas ihr Publikum kennt. Der Leistungsgedanke ist Mythos. Nicht etwa eine Idee, ein Prinzip oder ein Konzept sondern etwas Unwahres, Ungreifbares. Die Selbstvermarktung hingegen ist schon eine echte Idee. Eine neoliberale selbstverständlich. Vor der Erfindung dieser menschenverachtenden Ideologie gab es sowas bekanntermaßen nicht. Kleidung, Schmuck, soziale Riten, materielle wie immaterielle Statussymbole waren bis dato weitesgehend unbekannt.

„Der Appell lautet – kurz gesagt: Jede/r ist Experte in eigener Sache, verantwortlich dafür, sein eigenes Humankapital mit maximalem Gewinn und auf eigenes Risiko zu verwalten und zu vermarkten“, erklärt Thomas.

Zwar wird der Begriff Humankapital von der Juniorprofessorin hier falsch verwendet aber man versteht was sie meint. Der Appell ist mir tatsächlich verborgen geblieben. Bei einer Sendung wie „Das Model und der Freak“ wird natürlich etwas vorgelebt, soweit Zustimmung. Das bloße Vorleben ist aber kein Appell per se.
Die Teilnehmer dieser Sendung leiden in den meisten Fällen ganz bestimmt nicht unter irgendeiner neoliberalen Agenda sondern an gesellschaftlichen Regeln die mit letzterem nichts zu tun haben. Das weiß Thomas vermutlich selber und schwenkt daher auch die Diskussion in Richtung Sexismus um:

Die „Vermessung und Verdatung von Körpermaßen“ sei zwar sehr wohl Ausgangspunkt der Sendung, die Wirkung gehe aber darüber hinaus. Unter einer „politisch-kritischen Perspektive“ betrachtet, lade die Show ein „zur Unterwerfung unter patriarchalische Strukturen und zur Einübung und Internalisierung des männlichen Blicks“. „Aufforderungen zur Arbeit am eigenen (Körper-)Ich, zur Unterwerfung unter Normalisierungserwartungen und Konformitätsdruck“

Konfortimitätsdruck und Normalisierungserwartungen – geschenkt. Ist was dran.
Der männliche Blick ist hier für mich eigentlich das Interessanteste. Leider wird der Begriff nicht genauer erläutert man kann aber mutmaßen, dass wohl etwas wie Attraktivität aus männlicher Sicht gemeint ist. Gegen die Existenz einer rein männlichen Konstruktion dieser Attraktivität spricht, dass körperliche Attraktivität problemlos und konsistent auch von gleichgeschlechtlichen Menschen bewertet wird. Viele heterosexuelle Männer zieren sich in unseren Kulturkrisen eine solche Bewertung gegenüber anderen Männer zu artikulieren. Ändert aber nichts dran.

„Model und Freak“ kommt natürlich nicht so leicht davon nur weil dort Männer angepasst werden:

Die Show, bei der in jeder Ausgabe zwei schüchterne Männer durch eine neue Frisur, Körpersprachetraining oder ein Rollenspiel als „Drill Instructor“ in Frauenhelden verwandelt werden sollen, lade „zur Einübung in hegemoniale Männlichkeitspraktiken, in sexistisches Denken und Prozesse der Selbstverdinglichung“ ein.

Selbstverdinglichung? Ist hier der Drang von Menschen sich gegenüber möglichen Sexualpartnern als attraktiv (hier explizit nicht nur im körperlichen sondern auch kulturellem und charakterlichen Sinne) zu präsentieren gemeint? Heidewitzka. Wenn das schon Überleitung in sexistisches Denken ist, dann wäre eine Welt ohne sexistisches Denken wohl eine mit sehr wenigen Menschen. Ich habe unter dem Begriff bisher immer Abwertung und undurchdringliche Pauschalisierung und Ausgrenzung verstanden.
Was die hegemonialen Männlichkeitspraktiken angeht, kann ich noch am ehesten zustimmen. Hier steckt massiv kultureller Einfluss drin und vieles was sogar ich als patriarchal bezeichnen würde (bescheuerte Mutproben und Männlichkeitsbeweise).

Allerdings ist klar, dass bestimmte dieser Praktiken eben doch de-facto Allgemeingültigkeit besitzen. Zum Beispiel bewegt sich die Zahl der Frauen die sich zu Männern die einfach schlicht starke Angst gegenüber Frauen haben hingezogen fühlen im unteren einstelligen Prozentbereich. Ich schätze 50% der Kandidaten bei der Sendung fallen in dieses Profil. Man kann natürlich behaupten, dass sei ein rein soziales Konstrukt. Halte ich für schwierig zu verteidigen. Die Eignung einer solchen Sendung für solche Männer ist natürlich mehr als fragwürdig. Eine Therapie ist da sicherlich sinnvoller.

Den Bogen zum Neoliberalismus müssen wir jetzt aber natürlich wieder kriegen:

Gemeinsam hätten die beiden Sendung auch, dass „das Verfügen oder Nichtverfügen über ökonomische Ressourcen“ als Voraussetzung für die „Arbeit am eigenen Ich“ stets verschwiegen werde, kritisiert Thomas. Gerade das mache solche Formate offenbar attraktiv: „Ein Grund ist offenbar die Aufführung des Mythos von dem sich selbst verwirklichenden Ich – vom ‚Leben nach Wahl‘ im Zeitalter von Ungleichheit und ungewisser Anerkennung.“

Ganz perfide. Selbstverständliches wird einfach verschwiegen: In einer Welt der endlichen Ressourcen müssen ökonomische Handlungen stattfinden um Tätigkeiten des eigenen Körpers (Essen), fremde Leistungen und Erzeugnisse zu nutzen.
Noch perfider. Ein Mythos – wieder mal etwas Ungreifbares Unwahres – wird hier perpetuiert (ein ganz exquisites Wort, danke Frau Dr.): Die Selbstbestimmung. Klar, wir können nur in Grenzen selbstbestimmt handeln. Es gibt tausende Faktoren im täglichen Leben auf die wir keinen Einfluss haben. Wer aber selbst ein selbstbestimmtes Handeln in Grenzen leugnet muss aber über ein sehr interessantes Fleischhaufen– Menschenbild verfügen.

Das Schöne ist aber: am Ende wird alles wieder gut.

Eines hat sie in der Arbeit mit zehn- bis elfjährigen Schülerinnen schon herausgefunden: Nicht alles, was in den Shows passiert, wird kritiklos hingenommen. Als Heidi Klum in einer Szene von „Germany’s Next Topmodel“ etwa Kleidungsstücke der Teilnehmerinnen öffentlich in einen Container mit der Aufschrift „Fashion Trash“ warf, fanden die Jugendlichen das „entwürdigend“.

Wenn schon zehnjährige Schülerinnen das erkennen scheints ja mit dem Abendland noch nicht ganz vorbei zu sein. Menschen haben eben Hirn. Danke.


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